Kulturserver NRW
 
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    • crina chicchessia

      2010
      Kunstrichtung:
      PoART

      Tittelder Bilderserie:
      Das große Geschäft der Moderne
      "Wer mit der Herde geht hat nur Ärsche vor sich"

      Buchprojekt: Hirsch und Che
      Marcell, Andy, Josef und vielen Nachahmer und vielen Anbeter sei Dank, sind wir den ruralen Kitsch endgültig los. Mondlicht, Schwäne, glitzernde Gewässer, alles weg. Das Liebliche war vorgestern. Unsere Großeltern haben in der gute Stube lange Zeit Ihre Freude daran gehabt. Serien mit Suppendosen, Siebdrucke, Autoreifen, ausgestopfte Ziegen, Fahrräder, Cola-Flaschen, Comic-Blondinen, Lebensmittelskulpturen, sind stattdessen unsere städtischen, treuen Begleiter geworden. Das Coole herrscht, der urbane Kitsch ist Platzhirsch. Andere Häuser, andere Kitschsitten und mit ihnen manche Erneuerungen. Am ersten traf es die gegenständliche Malerei. Sie wurde in größter Eile halblebendig zu Grabe getragen, mit Pissoirs, Dosen, Fett, Allerlei zugeschüttet. Dümpelte noch der rurale Kitsch bescheiden und heiter vor sich hin, so tritt sein urbaner Nachkomme mit Kunst-, Wahrheits-und Originalitätsansprüchen auf. Experimentelles wird zu Regel, die Regel zu Dogmen. Auf den plattgetretenen Alleen der Banalität, flaniert ein Mainstream, Floskel inklusive, der sich als rebellischer Geniestreich feiert. Fein. Eine rundum Mainstreamavantgarde, die bei den ewigen Wiederholungen des Gleichen nie stolpert.

      So weit, so hohl, wäre da nicht noch die Sache mit der Ikone. Mystik und Inspiration pur. Andy gebar sie. Die sagenumworbene Pop-Ikone Che. „Es macht mir nichts aus, wenn ich falle, solange jemand anderes mein Gewehr aufhebt und weiterschießt", flüstert der Massenmörder Che vom Plakaten, T-Shirts, Feuerzeugen, Mützen, Kalendern, Aschenbechern. Kein Sofa ist revolutionär genug ohne sein Bild, keine Demo für Menschenrechte, keine Kommunismus-Beschwörungen wären ohne die Killerikone überhaupt denkbar. Eine Verpackung, die nie hält, was sie verspricht. Drauf steht Menschenrechte, drinnen lebendiger Mord. Drauf steht Kunst, drinnen nur abgestanden urbaner Kitsch.
      Die Friedensaktivisten, die Künstlern, die Tabubrecher, marschieren im Kitsch- & Killertakt, bejubeln den politisch motivierten Mord an denjenigen Orten, wo Linksdiktaturen gedeihen, bejubeln die religiös motivierte Attentate gegen Israel, das Land, das wagt immer noch zu existieren. Das Feuerwerk aus Menschenteile ist ihnen das Lieblingsfest für Freiheit.

      Bleibt Sie also weiter mutig, so richtig zivilcourageux, fordert das Brutale, fördert das Banale. Feiert Euch.
      Eure Leistung, Kitschverherrlichung und Mordbeifall unzertrennlich zusammen zu fügen, verdient eine besondere Ehrung. Ich widme Euch zum Wohle des revolutionären Sofas einen achtteiligen Zyklus. Acht Sofa-Farben mit acht Doppelportraits. Passend zu jeder Einrichtung
      Jetzt bleibt nur noch den Hinweis, wo genau sich die zwei Lichtgestalten in der Sofaumgebung aufhalten: Seht Ihr diese rechteckige Form an den Füßen der Malereimuse? Dort, verdaut und vermengt, umarmen einander durch die Kommunismus-Leichen hindurch, farbig auf das jeweiligen Sofas abgestimmt Che und Andy. Ihr könnt sie nicht erkennen? Das macht nichts, für euch reichen ein ödes Rechteck und das Wissen darum, dass sie es sind, die dort verdampfen.

      C. Chicchessia




      2011

      „Es macht mir nichts aus, wenn ich falle, solange jemand anderes mein Gewehr
      aufhebt und weiterschießt" Che Guevara


      An die Künstler, die wollten und durften,
      an die Künstler, die wollten, aber zu Hause gelassen wurden

      Sehr geehrte Kriecher, Anbiedernde, Katzbuckeler, Künstler, Kulturhüter, Kommunismushuldiger,

      waren Sie bei der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ – was für ein passender Titel –
      in China mit dabei?
      Ja? Nein?
      Machen Sie sich nichts draus,
      Es können nicht tausende von Scharen dahin pilgern.
      Ich bin mir sicher, Ihre Kollegen haben Sie bis in die kleinste wehende Locke von Che würdevoll vertreten.
      Vielleicht das nächste Mal,
      vielleicht ist dann auch für Sie ein Platz zu kriechen,
      vielleicht in Cuba, vielleicht in Nordkorea,
      Nur nicht verzweifeln.
      Wichtig aber bis dahin ist, die Situation der Menschenrechte in diesen Ländern
      fest im Blick zu behalten.
      Und deswegen sage ich, vergessen Sie nicht, die Formel „Sozialismus oder Tod“
      ist die beste Voraussetzung, die man haben kann, um sich bei den Gastgebern eine solide Vertrauensbasis zu schaffen.
      Ich weiß, Sie haben diese Idee schon längst verinnerlicht.
      Aber bei dem ganzen Rummel, Vernissage, Händeschütteln, lächeln, lächeln,
      könnte der revolutionäre Geist ein wenig nachlassen, gar unaufmerksam sein.
      Es soll Ihnen doch nichts ausmachen, wenn Sie aus lauter Aufregung bei der Ausstellungseröffnung stolpern und hinfallen, solange ein Parteigenosse das Glas aufhebt und weiterschlürft.

      Sorgen Sie sich nicht, auch die Todesangst wird nicht anwesend sein,
      Alles blanke Propaganda.
      Auch diese Behauptungen, Menschen würden dort entsetzlich hungern,
      in Nordkorea Erde essen… glücklich sein über irgendwas Essbarem
      Was soll das?
      Lassen Sie sich nicht von solchen imperialistischen Gerüchten irritieren.
      Hängt Ihnen ein Schinkenfetzen zwischen den Zähnen, denken Sie nicht an Hungerheuchler,
      spülen Sie die Reste herunter mit Sekt.

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